Wir nehmen Abschied von Susanne Gföller
… und nehmen Abschied von unserer langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin und Verantwortlichen für die Institutsbibliothek.
Susanne Gföller
23. Mai 1955 bis 10. März 2026
Nachruf
Unter den Möglichkeiten, in einer Institution zu wirken, lassen sich zwei prononcierte Erscheinungen erkennen, die jeweils mit einer persönlichen Ethik verknüpft sind: Es gibt Menschen, die mit der Einrichtung, in der sie arbeiten, eng verbunden sind, in ihr aufzugehen und sie in bestimmten, ihrem Verständnis nach guten, Teilen sogar zu verkörpern scheinen. Dann wiederum existieren Menschen, die durch ihre nahezu unverrückbare Autonomie eine Ferne zur Institution behalten, ja dieser durchaus bei nicht wenigen Erscheinungen kritisch gegenüberstehen und eben dadurch günstige Entwicklungen fördern können. Dazwischen gibt es vielerlei Verhaltensformen, oft auch ein Lavieren, das sich nach den jeweiligen Opportunitäten richtet. Von Susanne Gföller aber, der das Lavieren fremd war, lässt sich sagen, dass eine ihrer Besonderheiten darin bestand, die beiden Extreme – Verkörperung und Ferne – zu vereinen.
Ihre Verbindung von Nähe und Distanz zur Arbeit trug dazu bei, dass sie eine prägende Person des Max Reinhardt Seminars wurde. Im Leben vieler Studierender spielte sie eine beträchtliche Rolle, da sie diese unermüdlich beriet und unterstützte, mit ihren Plänen und Projekten lebte, sie zugleich aber von Anbiederungen und Betreuungsallüren verschonte. Die Studierenden konnten – ebenso wie manche Lehrende – bei den Gesprächen, die sie mit Susanne Gföller in der Bibliothek führten, bei sich bleiben, gerade, weil sie es mit einer Person zu tun hatten, die ebenfalls stets bei sich blieb. Derlei Verbindungen sind rar und kostbar – im Leben der Studierenden und im Leben der Lehrenden.
Susanne Gföller hatte relativ spät erst mit ihrem Studium der Theaterwissenschaft und der Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien begonnen, das sie dann teilweise neben ihrer Erwerbsarbeit absolvierte. Viele Jahre war sie also auf einem anderen Gebiet tätig gewesen: Sie war Mitarbeiterin der Österreichdirektion der „Compagnie Internationale des Wagons-lits et du Tourisme“ (1975–1990). Diese ihre frühere Arbeit hat sie gelegentlich mit einer gewissen Distanz erwähnt. Aber sie verfügte aus dieser längeren Periode ihres Lebens über ausgezeichnete Kenntnisse von Sprachen, was sie selbst nie hervorgehoben hat, ebenwenig wie ihre internationalen Aufenthalte, von denen ihr eine Begeisterung für das Reisen geblieben war. Aus ihrer Sicht hatte die Werktätigkeit sie letztlich von Studien-Plänen oder dann vom gewünschten rascheren Fortgang des Studiums abgehalten. Das Studium (1986–96) – so konnte man aus ihren Erzählungen erkennen – betrieb sie mit Leidenschaft, ohne in den verschiedenen geistigen wie ungeistigen Milieus aufzugehen. Doch es gab aus dieser Zeit freundschaftliche Verbindungen, die ein Leben lang hielten. Ich nenne hier die Theaterwissenschaftlerin, Dramaturgin und Theaterleiterin Nicole Metzger – in wesentlichen Aspekten wohl eine Schwester im Geist. Nicole Metzger war es auch, die mir, gleich nachdem sie es erfahren hatte, die Nachricht vom unerwarteten Tod Susanne Gföllers überbrachte.
Neben Erfahrungen als Produktionsassistentin beim Film, im ORF-Archiv, bei der Kunstzeitschrift PARNASS, in der Dramaturgie des Grazer Schauspielhauses, bei Festivals und in der Bibliothek der Angewandten war für Susanne Gföller eine Mitarbeit im dramaturgischen Bereich anlässlich der „Ring“-Inszenierung von Adolf Dresen an der Wiener Staatsoper von Gewicht (1992/93) gewesen. Der bedeutende, politisch bewusste Regisseur hatte das Sprechtheater verlassen, das ihm nur mehr Moden und Effekten zu folgen schien, ihm als leer und opportunistisch galt. Sein beruflicher Weg in die Oper kam einer zornigen Flucht gleich. Susanne Gföller hingegen ging unermüdlich weiter ins Theater und kritisierte ebenso unermüdlich – stets mit Gelassenheit und ohne die Empörung einer enttäuschten Besucherin – alle Erscheinungsformen, die ihr als bloße Anpassung an Trends, als auftrumpfende Show galten.
Sieht man von der Absolvierung des Lehrgangs für kulturelles Management ab, der ihrem pragmatischen Sinn entsprach und zugleich ihren Widerspruch herausforderte, erfolgte Susanne Gföllers erste Verbindung mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien durch die Tätigkeit als Vertragsbedienstete in der Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit“ (1995–2000). Ihre dort erworbenen genauen Kenntnisse vieler Instanzen und Abteilungen kamen dem Max Reinhardt Seminar später sehr zu gute. Und die Erlebnisse dieses ihres ersten Lebens an der mdw fanden Nachhall in manchen Erzählungen, mit denen sie, bei all ihrer Diskretion, unterhalten konnte. Schließlich trennte sie sich von dieser beruflichen Situation und wurde Mitarbeiterin beim Verlag Braumüller (2000–2003). Auch diese ihre Erfahrungen im Publikationswesen haben dem Seminar auf verschiedenen Ebenen überaus genützt.
Und dann kam ab Oktober 2003 das Max Reinhardt Seminar, ihr zweites Leben an der mdw begann. Ich kann sagen, dass ich Susanne Gföller, die mir zuvor schon bei Veranstaltungen, etwa der Theodor Kramer Gesellschaft, begegnet war, damals in einem sorgfältig geführten Verfahren für die Anstellung auswählen konnte. Und ich glaube, hier eine der besten Entscheidungen für das Seminar und für mich getroffen zu haben. Susanne Gföller – die zuerst als Universitätsassistentin für Dramaturgie, dann in diesem Bereich als wissenschaftliche Mitarbeiterin wirkte – beriet die Studierenden wissenschaftlich, dramaturgisch, bibliografisch, sie leitete mit großer Umsicht die Bibliothek des Max Reinhardt Seminars und unterrichtete auch im Bereich Dramaturgie. Mit Susanne Gföller über Themen und Arbeiten sprechen zu können, das weiß ich aus vielen Berichten und ich habe es schon erwähnt, war für die Studierenden eine enorme Bereicherung und eine große Hilfe im schwierigen Gang durch das Studium. Susanne Gföllers besonderes Interesse galt der britischen Dramatik, die sie auch in ihrer Lehrtätigkeit besprach. Das gehörte zu ihrer geistigen Biografie, in der sich vielfältige Interessen mit Scharfsinn und Lakonie verbanden.
Von all dem, was hier zu erwähnen wäre, möchte ich Susanne Gföllers Erforschungen und Recherchen zur Geschichte des Max Reinhardt Seminars hervorheben. Selbst schon längere Zeit intensiv mit Forschungen zu dieser Thematik beschäftigt, zog ich sie in dieses Gebiet hinein, wo sie mich dann nicht bloß unterstützte, sondern sich selbständig und streitbar bewegte, eigene Fragestellungen verfolgte und ihr Wissen anderen auch stets weitergab. Es gelang mir, sie als Mitherausgeberin der von mir geplanten Publikationen „Die vergessenen Jahre“ (2004) und „Erinnerung“ (2005) zu gewinnen, in denen die Geschichte des ersten Jahrzehnts des Seminars und dann die Vertreibung und Verfolgung der jüdischen Lehrenden und Studierenden des Max Reinhardt Seminars dargestellt wurde.
Die vielen Aufgaben, die Susanne Gföller übertragen worden waren, und die vielen Aufgaben, die sie für sich, ohne direkte Verankerung in den „Dienstpflichten“, fand, trugen seltsamerweise nicht zu einer Zersplitterung ihrer Tätigkeit bei. Alles wirkte wie eine Einheit, da es aus ihrer Person kam. Das ihr eigene Selbstbewusstsein und die Souveränität ihres Auftretens verstärkte bei jenen, die zu Erkenntnissen bereit waren, den Eindruck einer ihr zugehörigen autochthonen Autorität.
Zu den zahlreichen Agenden von Susanne Gföller gehörte die Betreuung des Archivs des Seminars, und eine der wesentlichen Aufgaben, wie sie und ich dies damals verstanden, war dabei die Rettung von Beständen. Das geschah unter durchaus abenteuerlichen Verhältnissen, die wahrlich nicht jenseits der Geschichte stattfanden: Einige Zeit zuvor schon hatte ich nämlich die Bestände aus dem Fundus gerettet, wo sie unter Schuhen und Kleidern ihrer Zerstörung harrten. Ein historisches Archiv war entstanden, obwohl es eigentlich in der Dunkelheit schon existiert hatte. Susanne Gföller wiederum hatte danach ebenfalls Materialien im Haus aufgefunden und vor ihrer Vernichtung bewahrt. Zu ihren Verdiensten in diesem Zusammenhang gehört, dass sie die Sammlung der Tonaufnahmen von Schauspielstudierenden aus der Reinhardt-Zeit zu bewahren und mit neuen technischen Systemen zu sichern half. Wir arbeiteten auch hier natürlich eng zusammen, aber es war doch letztlich ihrer Tatkraft zu verdanken, dass die Aufnahmen erhalten werden konnten.
Nach Beendigung ihrer Tätigkeit und dem Antritt der Pension (2015) – wir blieben wie selbstverständlich in Kontakt, ohne dies verabredet haben zu müssen – wirkte vieles, was sie geleistet hatte, weiter. Und es wird weiterwirken. 2017 gestaltete Susanne Gföller für die Internet-Plattform „spiel|mach|t|raum. frauen* an der mdw 1817–2017plus“ zahlreiche Beiträge zum Thema Frauen am Max Reinhardt Seminar. Sie sind Fundgruben für eine zentralen Thematik, die lange Zeit verdeckt und verschwiegen gewesen war.
Susanne Gföller war stets den historischen Fakten auf der Spur, hierin den besten Strängen eines kritischen Positivismus folgend, den sie schon zu Studienzeiten als die ihr gemäße Orientierung gewählt hatte. Auch zwei wissenschaftliche Aufsätze zeugen davon, deren faktische Dichte und Materialreichtum typisch für die Haltung der Autorin, die sonst nicht unbedingt Autorin sein wollte, ist: Der erste Beitrag (2008) handelt von der bislang verdeckt gewesenen Theaterlaufbahn des Schauspielers Max Neufeld, der ein bekannter Filmschauspieler und -regisseur wurde und schließlich aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor der NS-Verfolgung ins Exil fliehen musste. Im zweiten Beitrag (2010) geht es um die ebenfalls unbekannte Theaterarbeit des späteren Drehbuchautors und Dokumentarfilmers Edmund Wolf, der ins britische Exil gelangte. Über ihn, der Absolvent des Max Reinhardt Seminars gewesen war, hatte Susanne Gföller bereits ihre theaterwissenschaftliche Diplomarbeit geschrieben (1996).
Kein Interesse hatte Susanne Gföller an öffentlichen Auftritten, sei es in realer oder digitaler Form, obwohl sie doch stets energisch die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit für das Max Reinhardt Seminar unterstrich, auch schon zu Zeiten, da dies noch ungewöhnlich war. Das bedeutete bei ihr nicht Zurückhaltung, sondern Gleichgültigkeit gegenüber allem, was sie dem persönlichen Effekt zuzählte. Selbst das Aufschreiben und Veröffentlichen von Gesammeltem galt ihr nicht unbedingt so viel. Manchmal aber doch. Lieber jedenfalls schrieb sie in einem eigenen von ihr geformten Genre, das eher privat und vor allem nicht für die Veröffentlichung gedacht war. Sie nannte es „Staunen“ und schickte mir – sowie vielleicht auch anderen – unter diesem Titel notierte Beobachtungen einer vermeintlichen Normalität, die doch Ungeheuerliches und Lächerliches enthielt. Der kulturelle und universitäre Betrieb bot reichlich Stoff für ihre scharf wie lakonisch gefassten Beschreibungen. Auch beim Sprechen besaß sie die Begabung der entlarvenden Formulierung. Sie hatte den „Röntgenblick“, der großen und kleinen Satiriker:innen eigen ist. Diese wertvolle Eigenschaft war bei ihr aber stets mit einer Loyalität gegenüber den Kolleg*innen, den Studierenden und dem Haus verbunden. Selbstverständlich verschonte sie mich ebenfalls nicht mit Kritik und ihrem pointierten Staunen, wenn ich etwas schrieb oder sagte, was sie missbilligte. Das hat unser Arbeitsverhältnis, das von unbedingter Solidarität geprägt war, niemals beeinträchtigt. Sie lobte übrigens selten, aber wenn, war dies von Ehrlichkeit getragen und wie ein Geschenk.
Vielleicht war das Sprechen und Zuhören ein von Susanne Gföller bevorzugtes Terrain. In den Unterhaltungen blieb sie unbeirrt bei ihrer speziellen Klarheit der Gedanken und Formulierungen, mit dabei waren stets Kritik und Witz. Fröhlichkeit gehörte zur Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit. Pathetische Worte freilich hätte sie sich verbeten. Ein Erinnern mit größtem Respekt und größter Achtung ist angemessen, und ein heiteres Erinnern, das die Tränen nicht verbirgt. Solche Erinnerung, die Vergegenwärtigung ist, träfe auf das weite Spektrum der Arbeit und der Lebendigkeit von Susanne Gföller, das uns weiterhin begleiten kann.
Unseren Nachruf verfasste Univ.-Prof. Dr. Peter Roessler, an dessen Seite Mag.a Susanne Gföller viele Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin forschend arbeitete.