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Wir nehmen Abschied von Wojo van Brouwer

Wir nehmen Abschied von Wojo van Brouwer
Foto © privat

Wir vermissen unseren Alumnus, Freund und Kollegen, den Schauspieler, Musiker und Tausendsassa.

Nachruf
AUF PARTY PADS IN DIE UNSTERBLICHKEIT

Wojo –

In den vergangenen Tagen und Wochen haben wir so viel um Dich getrauert und geweint, dass ich mir in diesem Moment von ganzem Herzen wünsche, endlich wieder das mit Dir tun zu dürfen, was man mit Dir am wundervollsten tun konnte: Lachen.

Zusammen lachen.

Was haben wir viel gelacht in all den Jahren. Selbst als wir Dich besuchten – kurz bevor Du gingst – haben wir noch zusammen lachen können. Und das in einer so traurigen Situation und in einer Welt, die das Lachen verlernt.

„Ich möchte jetzt so gern Unfug zusammenmachen“ – das waren Deine Worte, als wir ins
Zimmer kamen und Du uns in Momenten noch erkannt hast. „Seid immer frech und wunderbar“ – das sagtest Du zum Abschied. Dann hast Du Dich weggedreht – und bist eingeschlafen.

Für immer.

Mich von Dir zu verabschieden fiel – und fällt – mir sehr schwer. Und jeder der hier folgenden Sätze ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg des Abschieds, der kein leichter ist.

Du warst – und bleibst – für mich Familie. Ein wichtiges Mitglied meiner ersten Theaterfamilie, damals während unseres gemeinsamen Studiums am Max Reinhardt Seminar in Wien. Mir das Haus – das Seminar – überhaupt ein Seminar – ohne Dich vorzustellen, das ist einfach unmöglich.

Lachen und zusammenreisen – davon haben wir geträumt und das durften wir erleben.

In meinen Gedanken reise ich mit Dir durch ein leeres Seminargebäude von Raum zu Raum – auf der Suche nach Orten, um gemeinsam Abenteuer, „Unfug“ – ja Theater – zu erleben und zu machen.

Ohne die Menschen, die das Seminar ausmachen, ist dieses Haus nur eine Ansammlung von leeren Räumen, eine leere Bühne – ein abgespieltes Bühnenbild. Bühnen, Räume und Orte, die darauf warten, von jeder Generation immer wieder aufs Neue mit neuen Geschichten, hinreißenden Vorstellungen und unvergesslichen Augenblicken zum Leben erweckt zu werden.
Lass uns das nochmal zusammentun, lass uns nochmal zusammenreisen, Darling –

durch dieses leere Haus reisen, in unseren Gedanken, in unserer Fantasie, in der Erinnerung, die uns keiner nehmen kann – durch dieses Haus, das unsere künstlerische Heimat war und bleiben wird.

Und lass uns dabei nochmal möglichst viel von diesem „Unfug“ zusammen erleben – dabei spüren, dass diese Momente – und dabei wir – nochmal so lebendig sind, so frei.

Unsere Reise führt uns zurück ins Jahr 2006: Es ist Anfang Oktober, wir haben gerade alle die Zulassungsprüfung bestanden und das Studium am Seminar aufgenommen. Die Reise beginnt in Lehrsaal 1 bei Emanuel Schmid – bitte grüß ihn ganz herzlich und all die anderen auch – und wir beschäftigen uns gerade mit heiligem Ernst mit der „Jahrtausendsekunde“, der „Stimme aus dem Jenseits“ und mit absurden Improvisationen über Landungen von Außerirdischen auf dem Seminargelände.

Was für eine Spielwiese. Da lernten wir uns kennen – und lieben.

Dem geschwungenen Verlauf barocker Treppen folgend, gelangen wir zum Braunen Saal, öffnen für einen kurzen Augenblick die leise knarrende Tür – und sehen uns vor 20 Jahren, wie wir zusammen mit unserer Gruppe eine Szene für den Ensembleunterricht proben – bevor wir, um diese kreativen Geister nicht zu lange zu stören, wieder leise knarrend diese Tür vorsichtig verschließen, weiterschwingen – und zu einer nächsten Tür gelangen.

Ich öffne diese und verweile dort sehr gern ein bisschen länger. Dabei sehe ich Dich im Weißen Saal: Es ist mittlerweile Februar 2008 und Du spielst Lampito – die Eiserne Lady aus Sparta – in einem grünen Kostüm im Margaret-Thatcher-Look, Pumps in Größe 48, Betonlocken-Perücke und stets mit einer lasziven Laufmasche – die Dir besonders wichtig war – in der Strumpfhose über den behaarten Männerbeinen. Wie großzügig das von Dir war, wie komisch – diese Liebe zum Schrägen, zum Grotesken.

Und wie großzügig Du Dich und Deine Energie – Deine Seele – für diese Rolle und für das Projekt „Lysistrata“ hergegeben – ja verschwendet – hast. Dieser Raum wird für mich zeitlebens mit diesem zutiefst aristophanischen Auftritt und mit Dir verbunden sein: Ich glaub, ich hab gerade eben selbst Max Reinhardts Mundwinkel im Porträt an der Wand des Saales kurz darüber lächeln sehen.

Wie an einem Adventskalender der Erinnerungen öffnet sich nun eine weitere Tür: Es ist kurz vor Weihnachten, wir schreiben das Jahr 2009 – und sind in erhitzten Endproben zu „Peer Gynt“. Als Ensemble sind wir nach einer schlechten Hauptprobe fest entschlossen, dass die Premiere trotzdem toll wird. Und es passierte, woran kaum jemand mehr geglaubt hat: Nur wir.

Und das war genug. Das war die Welt. Unsere Welt. Und es wurde ein Erfolg. Dein Satz „Eigentlich bin ich total durch, aber ich so find‘s geil, also weiter!“ – hat mich über die Jahre nie verlassen – und nicht zuletzt damals unseren Abend „gerettet“.

Bei der Premiere war Liebe auf der Bühne. So war das. Mit uns. Mit Dir.

Der Fluss der Erinnerung führt uns nach dem Abschluss des Studiums nun raus aus dem Seminar und mündet in den Rhein. Wir sind am Düsseldorfer Schauspielhaus und proben „Bunbury“ von Oscar Wilde: Du sitzt am Klavier – und singst aus voller Seele, während die Asche des verstorbenen Mr. Bunbury in einem XXL-Cocktail-Shaker auf die Bühne gebracht wird.

Dem Klang Deiner beseelten Stimme folgend, vergehen die Jahre –

und es geht nun die Donau entlang wieder heimwärts in Richtung Österreich: Wir sind zurück in Wien und wieder oder immer noch sitzt Du an einem Klavier – und singst aus vollem Herzen. Diesmal im „Victus&Milli“ in der Neustiftgasse – wir proben gerade zusammen die „Familienszenen“ in St. Pölten.

Das Bild, das mir beim Gedanken an diese „Familienszenen“ kommt, ist ein Wojo-Auftritt par excellence: Als minderjähriger Schulschwänzer Wanja, der heimlich auf Plateau-High-Heels im Glitzer-Tanga an der Poledance-Stange übt, um der toxischen Tristesse einer Plattenbausiedlung in der Ukraine zu entkommen. Und nur wir beide wissen, was davon Dein und was mein Einfall war.

Und das bleibt unter uns.

Was für einen Spaß das gemacht hat, solche Momente gemeinsam zu erfinden, zu erleben – und bei den Proben so herzlich darüber zu lachen und sich so zutiefst künstlerisch zu begegnen. Wahrhaftigsten „Unfug“ zusammenzumachen und zusammen Freiheit zu erleben – ohne Grenzen, ohne Angst. Das ist alles, was man sich unter Theatermacher_innen wünschen kann.

Und das ist viel.

Als Du mir Anfang des Jahres von Deiner Erkrankung erzählt hast, schriebst Du mir: „Danke für alles, was wir miteinander erlebt haben. Das war mir eine sehr wichtige Zeit.“

Beim Übertragen Deiner Worte in dieses Schreiben kommen mir aufs Neue die Tränen und ich kann nur versuchen, Dir das heute in Form meiner Worte von ganzem Herzen zurückzugeben.

Mit einem Menschen wie Dir, mit dem ich so viele Momente vor, auf und hinter der Bühne erlebt habe, Theater erlebt und gelebt habe, mit dem ich gefeiert und getanzt und geweint und gestritten habe, mit so einem Menschen, verbindet mich ein Gefühl tiefster Freundschaft und Intimität –

über alle Grenzen hinaus, selbst die von Leben und Tod.

Die letzte und für mich charakteristische Wojo-Station unserer gemeinsamen Reise lässt mich an einen Moment auf der Bühne des Schlosstheaters Schönbrunn im Sommer 2008 denken, als ich Dich bei einer der intensiven Proben vor unserem Gastspiel mit „Lysistrata“ beim Treffen der Schauspielschulen in Rostock fragte, ob es nach den vielen Stunden auf den hohen Schuhen noch erträglich sei. Da kam von Dir nur trocken: „Ja eh – ich hab ja Party-Pads“.

Das war Dein Spirit. Das war der Spirit jener Zeit: Um es mit Worten der Lysistrata zu sagen:

„Ach Lampito, Schwester!“

Als unser aller künstlerische Heimat lebt das Seminar von den Menschen, die in nun fast 100 Jahren ihren individuellen Teil zum Spirit dieses Hauses beigesteuert haben – in diesem Spirit leben sie alle weiter, lebst auch Du weiter, lieber Wojo.

Danke, dass wir uns begegnet sind, mein Freund. Und bitte vergiss nicht, was wir uns zum Abschied versprochen haben, kurz bevor Du als Erster von uns gegangen bist.

Max Reinhardt bekannte sich zu seinem festen Glauben an die Unsterblichkeit des Theaters – und in diese bist Du uns jetzt schon vorausgegangen: Auf Party-Pads.

Wir sehen uns.

In Liebe,
Sarantos

„Sei frech, wild und wunderbar.“
Pippi Langstrumpf

Unseren Nachruf verfasste Sarantos Georgios Zervoulakos, der mit Wojo van Brouwer am Max Reinhardt Seminat studierte. Die beiden verband eine lange Arbeitsbeziehung und Freundschaft.


Zur Unterstützung für Wojos junger Familie, seiner Frau Julia und den beiden Söhne (6 & 9 Jahre), wurde eine Gofundme-Seite ins Leben gerufen.


Am Max Reinhardt Seminar wird es im Herbst ein Treffen von Wojos Abschlussjahrgang geben – mit einem gemeinsamen Gedenken, Erinnern und Abschiednehmen. Details dazu geben wir bekannt, sobald wir sie haben.